Skippertraining ohne Wind...

Seit einem Jahr hatten wir schon geplant, uns mit einem Skippertraining ein wenig dem SKS anzunähern und dabei gleichzeitig ein paar bestätigte Meilen zu ergattern.
Nun war es so weit. Ende Mai packten wir unsere Sachen in Thorsten's großen Kombi und düsten gen Holland. Thorsten hatte noch im Auto Stress mit einem wichtigen Kunden seiner Firma. Das Handy brauchte fast mehr Strom als der Scheibenwischer, den wir auch nötig hatten, denn der Himmel war grau und verhangen und dicke Regenwolken bemühten sich, ihre Ladung über uns auszuspeien. Ideale Bedingungen zum Schietwettersegeln.
Kurz vor Lemmer hörte der Regen auf. So konnten wir unsere Sachen trocken an Bord der NIS RANDERS bringen und ein wenig aufräumen, den Hafen besichtigen und einen sicheren Parkplatz fürs Auto suchen bevor unser Skipper Kurt mit Wolfgang eintraf. Die beiden waren erst nach unserer Abfahrt von Bochum weggekommen und brauchten nun im dicken Berufsverkehr etwas länger...

Der Siriushafen in Lemmer entpuppte sich als ziemliche Kloake, je weiter man nach innen kam. Überall trieben tote Fische, aus der Ufermauer lief ein dünner Strahl Abwasser vom benachbarten Firmengelände. Brrr! Wenn ich da an das klare Wasser in Kroatien denke...
Die NIS in Lemmer
Na, man kann nicht alles haben und das Ijsselmeer ist nicht die Adria. Zwei Stunden nach unserer Ankunft im Hafen kamen gegen 19 Uhr Kurt und Wolfgang . Wieder großes Umräumen und Sachen verstauen, dann Besprechung unserer Pläne: Segelmanöver wollten wir üben, Hafenmanöver, Schleusen, und vor allem auch mal ausgiebig in Tidengewässern fahren.
Kurt war das recht. Er ist ein sturmerprobter Skipper, der sich auch im Februar auf die Nordsee traut.
Zunächst mal Wetterdienst abhören - Wind Südwest 4, abflauend. Hoch im Anmarsch. Kann aber noch einen Tag dauern... Dann Seekarten prüfen.
Skipper Kurt in seinem Element
Alles OK, neuester Stand. Stromatlas ist auch vorhanden. Aber der Wateralmanach fehlt. Also zieht Kurt los, um das gute Stück irgendwo am Hafen aufzutreiben. Shipshops gibt es da ja mehrere.
Wir machen schon mal alles fertig für die Abfahrt, Motor prüfen, Segel vorbereiten und Navigation klarmachen. Als Kurt bald darauf mit "Beute" zurückkommt heißt es "Leinen los" und auf geht's. Dass die NIS nicht so einfach zu steuern ist, wie die geübte Hand von Kurt glauben macht, sollten wir bald erfahren. Es handelt sich eben um einen echten Klassiker: Langkieler Yawl aus Stahl mit nur 30 PS bei einer Verdrängung von gut 14 Tonnen. Mal eben Aufstoppen? Nee, da mußt Du schon gut 30 Sekunden voll rückwärts nudeln bevor das Ding langsamer wird. Und dann ein Radeffekt vom Feinsten. Aber derlei Feinheiten lernen wir erst später. Jetzt geht es erst einmal raus aufs Ijsselmeer in Richtung Norden.

Draußen setzen wir Segel. Groß und Genua, bei dem leichten Wind. Die NIS rauscht mit 5,5 Knoten. Mehr ist nicht drin. Das Schiff wird erst bei stärkerem Wind richtig munter.
Nicht so tolles Wetter...
im Osten zieht das Ufer an uns vorbei. Erste Zwischenetappe der Hafen von Stavoren. Nicht zum Anlegen, nur zum Üben der Anfahrt und für Manöver auf nicht ganz so engem Raum. Wir lernen, die NIS auf dem Punkt zu drehen. Geht nur links herum. Rechtswenden unter Motor werden mit dem Schiff so weit, daß man es im Hafen besser läßt. "Probiert mal, den Kahn rückwärts bis zum Ende der Gasse zu fahren!" meint Kurt. Wir probieren. Aber außer Kurt schafft es keiner, die NIS mehr als 3 Meter rückwärts zu bewegen ohne dass sie aus dem Ruder läuft. Wer dieses Schiff sauber manövrieren kann, der kann auch jedes andere Schiff fahren!

Hafeneinfahrt Stavoren

Etwas gefrustet verlassen wir den Hafen von Stavoren und gehen wieder auf Kurs Makkum. "Das wird schon noch!" tröstet uns Kurt.

Am Horizont lockern die Wolken ein wenig auf. Wind weiter nur 3 bis 4. Wir lernen den schiefen Turm von Hindelopen kennen ( prima Landmarke!) und üben schon mal das Fahren am Tonnenstrich. Kleine Vorbereitung auf das Wattenmeer... Der Wind schläft immer mehr ein. Kurz vor Makkum streichen wir die Segel und werfen wieder den alten Mercedes-Diesel an.

Kurz vor Sonnenuntergang legen wir in Makkum am Außensteg neben der Tankstelle an. Ja, die Sache mit dem Aufstoppen... Bei der NIS sollte man nie mit Fendern sparen!
Makkum hat im Gegensatz zu Lemmer recht sauberes Wasser und auch die Hafenanlagen sind zu unserer Freude vom Feinsten. So sollten alle Häfen aussehen!
Abend in Makkum
Der Sonnenuntergang über dem angrenzenden Vogelschutzgebiet - ein Traum! Vogelgesang bis in die Nacht und ein Abendrot wie in den Tropen. Nur länger.

Am nächsten Morgen ist Terschelling angesagt. Nach eingehendem Studium des Stromatlas und des Wateralmanach wird die beste Abfahrtzeit festgelegt.
Kartenstudium..
Von der Schleuse mit dem Strom in Richtung Harlingen, wo wir das Plattbodenschiff "De Vlieter" treffen geht es trotz annähernder Flaute ohne Motor,
Die Vlieter am 25.Mai 03
(von hier aus schöne Grüße an Skipper Willem, der zu beschäftigt war um uns zu entdecken..)
Auf nach Harlingen!
von da müssen wir unter Motor nach Nordwesten wieder gegen den Strom. Das Stück braucht reichlich Zeit, denn die Nis macht hier nur etwa 2 Knoten über Grund.
unter Motor nach Terschelling..
Endlich können wir wieder mit dem Strom fahren bis zur Abzweigung des Fahrwassers nach Nordosten, wo man den Strom wieder ein Stück auf der Nase hat bis zur Fahrrinne "De Slenk". Hier muß man schon aufpassen und mit großem Respekt an den Tonnen vorbeifahren. Der Strom kommt teilweise quer zur Fahrtrichtung und das Schiff versetzt gewaltig.
Strömung!
Wer zu dicht auf die Tonnen zuhält, findet den Tonnenstrich ziemlich rabiat an der Bordwand angezeichnet...
Außerdem sind auf dieser schmalen Rinne eine Menge Dickschiffe unterwegs, Autofähren, Frachter und nicht zuletzt die "Kugelwieck", eine Schnellfähre, die ihren Namen verdient.

Die Kugelwieck
Besser zwei Leute halten Ausguck... An der Hafeneinfahrt wird es noch einmal eng: Die riesige Autofähre hat uns eingeholt und will gleichzeitig mit uns durch die enge Hafeneinfahrt.

Da sitzt uns einer im Nacken...

Aus der Fahrrinne heraus können wir wegen des großen Tiefgangs der Nis nicht. So drücken wir uns ganz an den Rand der Hafeneinfahrt und die haushohe Stahlwand der Fähre rauscht bedrohlich nah an unserer Backbordseite vorbei. Gut dass kein Starkwind weht. Sonst wäre diese Begegnung noch unangenehmer geworden.

Terschelling ist einer der schönsten Plätze des Wattenmeers, vor allem bei sonnigem Wetter, wie wir es heute haben. Wir genießen schon die Anfahrt auf die Insel. Und der Abend im Hafen mit Landausflug entschädigt für die vielen Stunden unter Motor. Über uns dreht sich das Lichtkreuz des Brandaris und das Wasser des Hafens ist glatt wie ein Spiegel.
Terschelling, schööön!
An solchen Abenden vermißt man das Mittelmeer kaum.

Früh morgens heißt es aufstehen - um gut auf die offene Nordsee zu kommen müssen wir schon um 7 Uhr auslaufen. Nicht alle sind sofort munter, aber pünktlich um 7 verlassen wir den Hafen von Terschelling und nehmen Kurs auf die Fahrrinne "De Slenk", denn die Abkürzung direkt am Rand der Insel ist für unser Schiff zu flach. Zwischen Vlieland und Terschelling strömt das Wasser uns schräg entgegen. Der Wind bleibt bei 3 Beaufort - nicht genug, um mit anständiger Fahrt gegen den Strom zu kommen. Also muß wieder unser alter Mercedes ran.
Die Segel wurden kaum gebraucht...
Trotzdem schaffen wir es nicht, im direkten Kurs um die Ecke von Vlieland zu schippern. Um nicht auf Sandbänke zu laufen machen wir noch einen großen Schlag nach Norden in tiefere Gewässer.
Dann endlich können wir auf Kurs gehen in Richtung Texel. Wir haben einige Zeit verloren und müssen uns beeilen, umm noch rechtzeitig zwischen Texel und Den Helder durchzukommen. Also bleibt der Motor an. Der Wind wird ohnehin immer schwächer.
Vlielands endlose Sandbänke ziehen an uns vorbei. Der LKW, der immer die Touristen von der "De Vriendschap" (dem Fährschiff von Texel nach Vlieland) abholt ist nicht zu sehen. Die Panzerwracks auf dem Militärgelände schon. Die See ist hier bedeckt mit tausenden kleiner Schauminseln, die aussehen wie Treibeis. Hat da einer seine Tanks mit Detergentien ausgewaschen oder ist es nur Algenschaum?

Seife oder nicht?


Allmählich kommt der Leuchtturm von Cocksdorp auf Texel in Sicht.
Cocksdorp am Horizont...

Von See aus ist die Durchfahrt zwischen Texel und Vlieland lange Zeit nicht zu erkennen. Erst als wir auf Höhe des Leuchtturms sind, wird die schmale Rinne sichtbar.
Immer noch unter Motor passierten wir die letzte natürliche Binnenbucht auf Texel, den "Slufter", wo das Meer vor allem im Winter weit landeinwärts dringt und die Küstenlinie eine deutliche Lücke zeigt. So ähnlich muß Texel früher an vielen Stellen ausgesehen haben.
Mit aufkommender Flut erreichen wir einigermaßen pünktlich den Texelstrom bei Den Helder. Hier brauchen wir den Motor nur noch zum Steuern. Der Strom schiebt uns mit rasanten 4,5 Knoten über die Fährlinie, zum Glück ist die "Schulpengat" gerade erst vor uns durchgefahren.
Fährhafen Texel
Jetzt ist die Luft rein und wir können gefahrlos passieren. Diese Ungetüme von Fähren sind unglaublich schnell und man muß schon sehr aufpassen, wenn man ihren Kurs kreuzt.
Mit dem Abendrot laufen wir in den Hafen von Oudeschild ein.
Ansteuerung Oudeschild


Die Marina ist noch recht neu und gut ausgestattet, aber auch die teuerste bisher auf diesem Törn.
Marina Oudeschild
Wir leisten uns trotzdem noch eine Portion gebackenen Fisch im Hafenrestaurant. Schade, daß wir absolut keinen Wind hatten. Unter Segeln hätte die Fahrt auf der Nordsee sicher noch mehr Spass gemacht.
Was solls? Morgen geht es wieder in Richtung Makkum, zurück ins Ijsselmeer.

Fortsetzung folgt